Zwischen Töpfen und Wörterbüchern - Übersetzungen zu Kulinarik

Die große Schwäche aller Freiberufler, auch der Übersetzer? Nie ganz abschalten zu können. Ein typisches Beispiel: auf dem Fahrrad, an der roten Ampel, den Blick auf die Werbetafel gegenüber gerichtet, eine Übersetzung für den Slogan passend zum Bild zu suchen, ohne sich dessen bewusst zu werden. 

Auch nach dem Herunterfahren des Rechners weiter zu übersetzen gehört zu den normalen Begleiterscheinungen eines Übersetzerlebens. Schizophrenie? Unersättliche Neugierde? Wer weiß das schon. Auf jeden Fall bleibt ein Übersetzer immer ein Übersetzer, auch wenn er den Kochlöffel schwingt.

So passierte es kürzlich, dass ich in der Küche stand und mich mit Übersetzungsfragen konfrontiert sah. Vor mir auf dem Schneidebrett lagen fünf, sechs längliche, knollig-raue schwarze Stängel. Was war das wohl? Ja, richtig: Schwarzwurzel! Und im Italienischen? Ich hatte keine Ahnung. Mir ist dieses seltsame Gewächs auch erst in Norddeutschland das erste Mal begegnet. Diese mit der Topinambur verwandte Wurzel mit schwarzdunkler Schale (daher der Name) erinnert gekocht an Spargel – und wird daher auch als Winterspargel bezeichnet. Ich habe daraus eine schmackhafte Suppe zubereitet.

Nun packte mich die Neugierde, ob dieses ein Fall von Unübersetzbarkeit sei. Ich entdeckte, dass diese Wurzel mit dem – sagen wir es ohne Umschweife – wenig appetitlichen Aussehen auch in Italien verbreitet ist: unter dem bildhaften Namen scorzonera (scorza = Rinde, nero = schwarz). Noch nie gehört? Dennoch hat dieses Gemüse, dessen italienische Bezeichnung im ersten Augenblick eher an ein Hogwartshaus aus Harry Potter oder eine Wettkampftruppe beim Palio di Siena denken lässt, seinen Platz in der Küchentradition verschiedener Regionen Italiens.

Ah, die Gastronomie! Ein vorzüglicher kultureller und sprachlicher Spiegel und unendlicher Quell uralten Wissens. Das verführt mich immer wieder, mich in Übersetzungen zu Kulinarik, Kochrezepten und regionalen Spezialitäten zu vertiefen: meine Neugierde macht mir Appetit auf Texte.

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